ohne Titel, Ausdruck
auf Papier, 11,5cm mal 19 cm, Wien 2012
Figuren:
Paul, arbeitslos, 35
Andrea, Psychoanalytikerin, Alter
unbekannt (sie sind ein Paar)
Zwei ältere Damen
Unterschätztes Kind
Ein namenloser Besucher
Eine Führerin
Eine Gruppe
1. Bild
Paul und Andrea stehen allein in
einem riesigen Vorstadtmuseum vor einem abstrakten Bild eines österreichischem Künstlers
mit dem Titel: „Der Hundebesitzer, diesmal zwar ohne Hund, dafür geht er
sonntags in den Prater um drei Langos zu essen und im Schweizerhaus 31 Bier zu
trinken, wo er immer zwei alte Bekannte trifft, die einen Swingerklub im achten
oder siebten Bezirk betreiben. So genau weiß das der Hundebesitzer nicht, denn
er ist glücklich verheiratet und hat mit seiner Frau zwei gemeinsame Gurken im Kühlschrank“.
Andrea: Der Titel sagt alles, das muss ein unbeschreiblicher Trottel
sein, der Künstler
Paul: Wie heißt der noch mal?
Andrea: Steht eh da unten rechts: Ph. Tr.
Paul: Nie gehört, toll wie meine Stimme hier nachhallt spricht lauter NIE GEHÖRT
Andrea: Du glaubst wirklich der heißt Ph. Tr, gell?
Paul: Na ja, vielleicht ein Schwede? Erinnert mich sowieso
irgendwie an Ikea hier, von der Größe, nur halt an einen ausgeräumten Ikea.
Andrea: Und weniger Menschen, also eigentlich niemand und die
Poster im Shop sind teuerer?
Paul: Wenn ich mir dieses Bild da anschaue, dann denk ich
mir, dass ich ja noch nie ein Freund von Hundebesitzern war, ich sag ja immer
Hunde ja, Besitzer nein!
Andrea: Der Max ist ja auch so ein typischer Hundebesitzer,
aber dafür ist er halt ein Weinkenner.
Paul: Ich sag auch immer Wein ja, Kenner nein!
Andrea: Obwohl der Hund vom Max schon längst vom Nachbarn und
so. Grässlich eigentlich, die sollte man alle besser wegsperren. Aber natürlich
Notwehr und hier haben Sie Ihre Walther PPK wieder zurück, zielen sie halt das
nächste Mal aufs Knie, entschuldigen sie die Störung und gute Weiterreise.
Paul: Reise ja, Führer lieber nicht! Ich könnt das ewig
machen. Wen sollte man besser wegsperren?
Andrea: Außer Kontrolle geratene Waffenbesitzer und so.
Paul: Waffen ja, nein, da stimmt was nicht. Aber im
Allgemeinen sag ich ja eher nein zu Führern, Besitzern und Kennern.
Andrea: Und zu Kunstkennern?
Paul: Aber der Max ist sogar ohne Hund noch ein
Hundebesitzer. Das ist beim ihm mehr ein Zustand als ein Verhältnis.
Andrea: Apropos Verhältnis, wie geht’s eigentlich der Uschi?
Paul: Uschi ja, Verhältnis nein.
A: Hör auf!
P: Hör ja, auf nein!
A: Also gut, das ist sinnlos.
P: Kunstkenner sind ja speziell für den Hugo, ich sehe sie
immer vor mir, zwischen Kunst und Betrachtung, und sie wissen nicht so recht,
wo sie jetzt eigentlich hin gehören.
A: Und immer diese Schals und Socken.
P: Was für Socken?
A: Grüne, gelbe, türkise, rosa, himmelblaue, orange, türkise,
rote und so, immer diese auffälligen Farben, als würden sie einerseits an
Verstopfung leiden, andererseits aber ständig am Klo sitzen.
P: Also du als Frau Analytikerin, wäre in dem Fall das
Scheißen die Betrachtung und die Verstopfung die Kunst, oder umgekehrt?
A. Ich würde sagen umgekehrt.
P: Und die Schals?
A: Welche Schals?
P: Schals und Socken hast du gesagt.
A: Genau! Egal bei welchem Wetter, sie tragen Schals, als
würden sie nicht nur unter Verstopfung leiden, sondern auch an chronischem
Halsweh, vom zu viel geistreich Reden.
P: Hals ja, Weh nein, aber das kenn ich auch von
Veranstaltern, besseren Autohändler und generell von Männer mit langen zurück geföhnten
Haaren, die ihren Frauen und besonders ihren Nichtfrauen imponieren wollen.
A: Das Bild ist übrigens ziemlich langweilig, das Rot hat so
eine ermüdende Präsenz und so.
P: Die drei braunen Kreise sind wahrscheinlich die Langos,
oder sagt man die Langos s? Und die vielen gelben Striche sind die Bier, oder sagt
man die Biere.
A: Da bräuchten wir einen Sprachexperten, aber ich weiß
schon, was jetzt kommt.
P: Sprachexperte? Also! Sprach ja, Zarathustra nein! Gut!
Oder? Ich sag einfach Bier.
A: Das sollten wir auch wieder mal machen, vollfressen und
betrinken, statt hier blöd im Museum herumstehen, das kauft uns eh keiner ab.
P: Nicht, wenn du weiter redest.
A: Das ganze Programm: Geisterbahn, Autodrom, Hochschaubahn, Schweitzerhaus,
noch mal Hochschaubahn und Kotzen.
P: Und weiter!
A: Ich hab ja oft das Gefühl, wenn ich vor Bildern steh, dass
sie mir genau das zeigen, was ich statt davor zu stehen, tun sollte und so. So
wie dieses Buch, von diesem deutschen Philosophen. Tun statt Lesen, Kotzen
statt Schauen. Wie heißt der Philosoph noch einmal?
P: Michael Häupl?
A: Du musst dein Leben ändern, so heißt das Buch, und der
Autor heißt Peter irgendwas, Schlotterteig! So heißt der! sagt es stolz Peter Schlotterteig
P: Und was zeigt dir dieses Bild außer Hochschaubahn und
Kotzen noch?
A: Es zeigt mir, dass mich die Kunst vor dem wahren Leben
behüten will.
P: Geh bitte, vor welchem wahren Leben? Meinst du den
Coiffeur Michel?
A: Und es zeigt mir, dass sich das wahre Leben in die
heiligen vier Wände der Museen zurückgezogen hat.
P: Unverkäuflich und alarmgesichert, das ist gut.
A: Und meistens ist das wahre Leben schlecht ausgeleuchtet.
Wenigstens ist der Bus hierher gratis gewesen. Immerhin.
P: Immer ja, hin nein.
A: Apropos Gratis Bus. Ikea macht es ja genauso. Fahr gratis
hin, komm günstig weg, oder so.
P: Noch günstiger kommst du weg, wenn du gar nicht hin
fährst.
A: Fahr gar nicht hin, komm gratis weg!
P: Oder noch besser: fahr gar nicht hin und aus! Dann
ersparst du dir nämlich einen halben Satz und einen ganzen Tag.
A: Stell dir vor, wir kommen hier nie mehr weg
P: Fahr gratis hin, komm nie mehr weg!
A unbeteiligt:
Meine Reisen durch die vielen Stunden der Lust, durch die einsamen Landschaften
der Begierden, über die kargen Hügel des Erwartens und in die dunklen Wälder
der Vollendung, beginnen immer wieder hier, im Supermarkt der Enttäuschungen. A ist über sich selbst verwirrt
2. Bild
Sie gehen zum nächsten Bild. Der
Titel ist: „Deutsche Postidealisten beim Gruppensex“. Vor dem Bild stehen außerdem
zwei sehr alte Damen in Trachten, zwischen ihnen ein unterschätztes Kind
P: Übrigens Ikea! Stell dir vor, die würden eine Couch
„Deutsche Postidealisten beim Gruppensex“ nennen, die wären sofort weg, aber
die Produkte haben ja alle so komische Namen dort, die Lampenschirme heißen
Gmöwülst oder so, die Teppiche Rümsflög, die Regale heißen Billy, die sind eh
bekannt, aber zutrauen würde ich das den Schweden schon.
A: Der Künstler hat´s irgendwie mit Bumsen.
P: Wer nicht?
A. Da fällt mir einer ein
P: Dir fällt zu allem immer einer ein, ob Postidealist oder Bigamist
oder was weiß ich.
1. Dame: Also bitte
2. Dame: Also bitte
Unterschätztes Kind: Was sind Postidealisten?
Die Drei gehen, die 1. Dame zieht das
Kind hinter sich her, die zweite Dame schimpft unverständlich vor sich hin,
doch es klingt wie die Wörter: Museum und Saufratzen und früher und hätte und sicher
und unverständlich und dann wäre ein für all Mal Schluss damit.
P: Vor kurzem habe ich eine Glühbirne beim Ikea gekauft, die
hat „Flottfick“ (gibt es wirklich) geheißen,
geschrieben wie „Flottfick“.
A: Eine Glühbirne! Und wo hast du die reingeschraubt?
P: Haha, das ist gut, die habe ich noch in petto!
A: Aber das Kind hat recht, was sind eigentlich
Postidealisten?
P: Auf jeden Fall Deutsche, wegen der Qualität, ich find ja
überhaupt, dass es nur Deutsche auf der Welt geben sollte, Deutsche und den
Dalai Lama, der Rest zählt nicht. Vielleicht noch den Berlusconi und den Hugo
Chavez, weil die sind irgendwie auch noch lustig.
A: Die Frieda ist auch Deutsche
P: Aber die Frieda ist sicher nicht lustig, aber ich sag jetzt
lieber nichts, ich glaub ja, dass Postidealisten Deutsche sind, die lauthals
und begeistert meinen, die österreichische Post AG hat eine Zukunft, auch wenn
man keinen Brief abschickt, deswegen
das angedeutete Posthorn im Bild.
A: Das ist ein verknotetes Kondom, wenn du mich fragst.
P: Kommt auf dasselbe raus, aber ich find ja, dass dieses
Museum wirklich ein bisschen wie das Ikea ist, dieselben Leute, nur weniger
davon, weil natürlich die Produkte hier „Kunst“ heißen und nicht „Flottfick“,
außerdem steht am Eingang vom Ikea „Eingang“ und nicht „PH. TR.“ und dazu noch
ein Wort, das nach Darmspiegelung klingt.
A: Ich glaub, bei Postidealisten handelt es sich um Deutsche
nach Hegel und Fichte und so? Auf Gutdeutsch, es ist wieder auszuhalten nur „an
sich“ zu sein.
P: Bin ich froh. Der Boris Becker wäre dann ein klassischer
Postidealist, der ist nämlich ziemlich nur „an sich“, und der Alfons Haider
überhaupt, der wiederum ist halt kein Deutscher, sondern von der Nationalität
her eher ein Hundebesitzer ohne Hund. Das ist natürlich auch ziemlich postidealistisch,
nur halt die österreichische Variante davon. Oder hat der einen Hund? Schau da
hinten, ein Besucher, nicht bewegen, sonst ist er weg. Der fühlt sich sicher gerade
irrsinnig „an sich“, was soll das überhaupt heißen? An sich?
A: Das heißt, dass es im Grunde erstmal reicht, so ein Depp
wie du zu sein, der Rest wäre dann Luxus pur. Aber es gibt natürlich auch
negativ Ausnahmen für den deutschen Postidealisten.
P: Zum Beispiel?
A: Den Thilo Sarrazin zum Beispiel, der ist viel zu schlecht
aufgelegt für diese Welt. Mit der Einstellung bekommst du höchstens eine Zweizimmerwohnung
in Berchtesgaden.
P: Na Wumm! Das ist ziemlich unter die Gürtellinie.
Paul denkt nach und sagt nachdenklich.
So kriegen die das Museum nie voll, vielleicht sollten die
Museumsbetreiber auch einfach nur sagen „hier rein, da durch, hier raus, dort Warenausgabe,
jetzt gibt’s Würstel und dort ist die Badner Bahn“.
A: Na ja, ist eh ähnlich hier, aber dann sollten sie aber auch
gleich so eine bunte Kugelkiste aufstellen, in der die lästigen Kinder
verschwinden.
P: Diese Badner
Bahn ist Gott sei Dank schon abgefahren
A unbeteiligt: Mein
Alter ist unbekannt, meine Haare gefärbt, und ich bin die einzige Frau dieser
Welt, die statt älter jünger wird, die statt hässlicher schöner wird,
die lieber Leben rettet
statt ihre Liebe in Essig einbettet.
A ist über sich selbst verwirrt
3. Bild
Das Bild hat den Titel „ohne Freud
kein Penisneid“, das Museum füllt sich.
P: Was ist denn jetzt los? Hab ich das falsche Prospekt
gelesen?
A. Der Titel ist diesmal aber gut. Und es reimt sich sogar,
statt Leid, Penisneid
P: Ich muss aufs Klo, bei Ikea zum Beispiel….
A: Was hast du die ganze Zeit mit diesem blöden Ikea
P: Das will ich ja gerade sagen, bei Ikea gibt’s diese
Abkürzungen, da sind sie ja nett dort, weil da kannst du durch eine art
Geheimgang gleich in den Kassenbereich und musst nicht durch die Schlafzimmer-,
Küchen-, Wohnzimmer-, Teppich-, Kinderzimmerabteilung und Blumenabteilung wenn
du nur deine „Flottfick“ Glühbirne zahlen und aufs Klo willst, verstehst du
warum ich das sag, hier musst du erst mal am (Prachensky) vorbeikommen.
A: Das Klo ist glaub ich da vorn rechts!
P: Na gut, das schaff ich.
A: Was hast Du eigentlich gegen meine Freundin Frieda?
P: Freundin ja, Frieda sicher nicht!
A: Die ist doch nett und außerdem lad ich sie eh nur zweimal
im Monat ein.
P: Gefühlt ist das bei der aber zweimal pro Stunde und dann
natürlich immer mit bester deutscher Laune, die blöde Kuh, zuerst „Kaffee und
Kuchen“ und „alles so klasse und ulkig hier bei euch in Österreich“, und später
Birnenschnaps und Weinkrampf und die Österreicher alle Arschlöcher und
hinterfotzig, speziell natürlich die Ostösterreicher.
A: Als wärst du so oft zu Hause.
P: Was hat das mit den Arschlöchern zu tun, aber ich halt das
nicht aus, diese super Laune zuerst und dann ohne Vorwarnung sofort Weltuntergang.
Die ist doch ein psychologischer Todesfall, gerade du solltest das wissen.
A: Sie geht doch eh schon achtmal im Monat zum Analytiker
P: Genau, und nachher auf den jüdischen Friedhof
A unbeteiligt: Im
Frühling, wenn die ersten Störche wieder aus dem Süden kommen und die feuchten
Wiesen wieder blühen, dann gibt es nichts Schöneres für mich, als die
Mitarbeiter der Malerei Firma Laiminger, Kompetenz in Farben. A ist über sich selbst verwirrt
P: Ich weiß nicht, ich weiß nicht, irgendwie erinnert mich
dieses Bild an die zehnte Station am Kreuzweg.
A: Aha, interessant, „Jesus wird seiner Kleider beraubt“, das
passt eher zum Gruppensexbild, aber dann würde noch die achte Station fehlen,
„Jesus begegnet den weinenden Frauen“. Aber es passt insgesamt auch zum Leid,
mit dem der Bildtitel so lustig spielt, weil sich der Penisneid ja nicht nur
auf Leid reimt, sondern auch Leid ist.
P: Damit hab ich jetzt nicht gerechnet, dass du dich beim
Kreuzweg so gut auskennst, weil ich hab ja überhaupt keine Ahnung, was ich von
dem Bild halten soll. Schwarz ist es! Und ein bisschen verärgert.
A: Diese ganzen Leidensgeschichten sind total wichtig in
meinem Job, besonders, wenn ein Katholik in meiner Praxis steht. Am liebsten
haben die Blut und Leid und ihre heiligen Mütter, manchmal auch Sex und Leid
und Mütter, bei Frauen ist es halt alles außer Mütter, dafür mit Penisneid. Aber
ohne Leid wären die völlig verloren. Protestanten sind da viel beruhigter,
übrigens auch eine Gemeinsamkeit zwischen hier und Ikea.
P: Wieso?
A: Na ja, sowohl Ikea als auch hier, beide Chefs
Protestanten, beide erfolgreich, weil das Erfolgreiche ist ja fast schon eine
Eigenschaft von den Protestanten. Ganz arg wird’s dann bei den Schweizer
Calvinisten.
P: Vielleicht haben die ja vorher telefoniert, wegen der Gratis
Bus Idee. „He du, alter Schwede, wie wäre es mit günstig hin und gratis weg?“
„Super, aber das gebe ich vorher lieber noch meinen Textern“. Aber ich frag mich
ja jetzt, warum die meistens Sätze im Neuen Testament mit UND beginnen, und so
kamen sie, und so zahlten sie, und so schauten sie, und so gingen sie dann wieder,
meistens zurück zu ihrer Schafherde, weil das waren ja alles Hirten, so wie wir
gerade gekommen sind, gezahlt haben und jetzt blöd schauen, ohne Schafherde
halt, weil wir sind ja keine Hirten, das wäre dann wieder ein Unterschied: nämlich
beim Ikea schaut man vorher blöd und zahlt dann, und hier zahlt man zuerst,
dann kann man sich noch aussuchen ob man zum Blödschauen rein geht oder nicht,
das ist ja wieder der Vorteil hier, weil wenn du beim Ikea an der Kassa stehst,
ist meistens alles schon zu spät, hier kannst du es dir noch anders überlegen,
weil da zahlst du vorher, aber wenn du rein gehst, dann kannst du schauen oder
nicht, das haben die zwei jetzt wieder gemeinsam, obwohl ich wenn schon, eher
hier schauen würde, weil wie gesagt, hier ist es vorher schon zu spät und beim
Ikea nachher, dort kannst du dir nämlich, wenn du nicht so viel schaust,
ziemlich viel ersparen, hier ist es wurst. Finanziell jetzt. Aber wie gesagt
eher hier als dort. Wenn es rein ums Schauen geht!
A: Ich versteh, und was, wenn du zahlst und draußen bleibst?
P: Nichts! Dann bleibt alles beim Alten. Nur bist du halt um
7 Euro ärmer. Aber kommt drauf an, wenn du nämlich eine Gruppe ab 15 Personen
oder ein Senior bist, dann zahlst du fürs Draußenbleiben nur 5 Euro pro Mann
und Nase. Das musst du dir mal vorstellen, eine Gruppe von 15 Senioren, ich
weiß jetzt nicht, ob das dann noch billiger ist, kommt mit dem Gratisbus
hergefahren, zahlt und dann gehen die sofort wieder.
A: Und das Zahlen und draußen Bleiben, gibt’s nur hier, beim
Ikea nicht! Aber das Erlebnis des draußen Bleibens würde ich mir an sich auch
was kosten lassen, dieses Erlebnis ist ja auch ein Entscheidungserlebnis, zur Freiheit
nämlich, und das für sieben Euro. Das ist günstig für die Freiheit. Hier bitte
schön, danke sehr, leckts mich und ich bin frei!
P: Weil wenn eine Gruppe aus Senioren besteht, dann müsste
eigentlich der Preis, na ja, ist jetzt auch wieder wurst, weil wir sind ja weder
noch
4. Bild
Der Titel des letzten
Ausstellungsbildes ist „Und ohne Titel“
Das Museum wird voller und voller, und
die Luft um Andrea und Paul immer dünner
A: Wahrscheinlich steht dieses UND immer am Anfang der Bibelsätze,
um uns weiß zu machen, dass es außer Gott keinen Anfang gibt. Aber apropos Gott,
wenn du dich hier umschaust, alles passionierte Leider, der da neben dir, ein
totaler Leider, schau mal, wie der sich zum interessierten Betrachten zwingt,
die Schmerzen, die der haben muss, Wahnsinn, dabei wäre der sicher viel lieber
gerade in der Werkzeugabteilung bei den Akkubohrern.
P: Und immer so tun, als wäre alles heilig und bitte um Ruhe
und Achtung! Achtung! weil hier sind sogar die Gedanken alarmgesichert, und
wenn du nur was Dummes denkst, dann kommt sofort der super unauffällige
Hochkulturwächter von dort drüben und mahnt dich ab: „Bitte nicht so laut dumm
denken, wir sind hier in einem Museum“. „Ach so, ich dachte wir sind in der
Wandteppichabteilung“ haha, und dann nimmt der ein paar Schritte Abstand und
flüstert was in seinen Kragen: „Willibald aus Raum 3 hier, ich glaub wir haben
da einen Notfall“, und dann greift er sich ans Ohr, das kennt der aus diesen
FBI Serien, „Hier Anton aus Raum 14, was ist los, will der Künstler schon wieder
einen 13 jährigen Buben?“, „Willibald aus Raum 3, nein, aber hier ist schon
wieder einer, der den falschen Gratis Bus genommen hat!“ „Anton Raum 14, sofort
in den Museumsshop mit ihm, aber unauffällig“.
Eine Gruppe mit Führerin drängt sich neben
sie.
P: Auch das noch!
Die Führerin: Und hier das letzte Werk aus der Spätphase des
Künstlers…
Das Publikum macht OOOOOOHHHHHHHH
P: Ich kotz gleich, das ist ja schlimmer als in den Uffizien
F: Zu erkennen an dem schon gelassenen Strich, der
abgeklärten Farbwahl, nämlich des auf den kommenden Tod anspielenden Schwarz´…
A: Na danke
F: Er war ja unheilbar an Hodenkrebs erkrankt…
Das Publikum macht UI!
P: Hoden ja, Krebs nein! Wo ist der Ausgang?
F: Und natürlich erkennbar am Titel, eben nicht nur eine
Anspielung auf Sigmund Freud und seine „Beiträge zur Psychologie des
Liebeslebens“ sonder auch auf die Krankheit des Künstlers selbst
Das Publikum macht AHA!
A: Ich glaub die stehen vorm falschen Bild, aber das ist
sowieso kompletter Schwachsinn, was die da redet. Penisneid und Hodenkrebs, da
kann sie gleich sagen Extrawurst und Gurkerl
P brüllend: He, das
Penisbild ist da drüben, nicht mehr
brüllend Andrea ich muss hier raus!
A unbeteiligt In meinen
einsamsten Stunden, wenn die Träume des Lebens wie Libellen über das Wasser
gleiten und die Stunde des bösen Erwachens naht, dann ist alles was ich will,
zuerst trocken und dann schön feucht. A
verwirrt über sich selbst
F: Außerdem ist bei genauerer oder längerer Betrachtung des
Bildzentrums zu sehen, dass uns trotz totaler Abstraktion ein perspektivischer
Sog auf eine unsichtbare andere Seite zieht…
Das Publikum macht HHHMMMM, Paul und
Andrea verschwinden durch die Menge, durch den Ausgang und sind weg, während
die Führerin weiter redet
F: Die Grundidee aller seiner Bilder nämlich ist, sehr
verehrtes Publikum, der permanente Transzendenzdruck des Augenblicks,
festgehalten in einem bildnerischen Schulterzucken gegenüber dem drohenden Tod,
und hier in diesem allerletzten seiner Bilder bündeln sich diese Idee und dieses
Schulterzucken zur absoluten Bedeutung, in Farbe und Form, in Kraft und
Ehrfurcht, in himmelhoch schreiendem Mut und abgrundtiefer Angst. Dieses Bild,
mein sehr verehrtes Publikum ist die große Zusammenfassung der allgemeinen
Kunstgeschichten, denn die einzelne Kunst selbst ist, und ich möchte nicht
sagen nur, ist aber dennoch nur das
erste Geräusch der tausend ersten Gesten, bevor sie zum ersten Mal und für
immer in den ewigen Kreislauf stürzen und verschwinden, und Sie, meine Damen
und Herren müssen nicht hier sein, um diese ersten Gesten zu begreifen, denn
die Gesten sind überall, Sie müssen hier sein, um die Arbeit jener Menschen zu
begreifen, die sich diesem Geräusch verschrieben haben, die immer hörend
suchen, auf Zehen- und Ohrenspitzen, auf Gedeih und Verderb, und sich mit Leib
und Seele dem Lauern und dem Sichern, dem Nachahmen und dem Zurückwerfen hingeben.
Und lassen Sie sich nicht täuschen, meine Damen und Herren, vom Hochdruckgeist
der eloquenten Schreihälse, vom Feuersturm der hyperkreativen Heißluftspucker,
es ist der einzelne, fast unhörbare Funke unendlicher Wiederholungs- und
Vertikalarbeit eines Menschen, der das Warten und das Greifen, das Halten und
das Tun zur Perfektion treiben will, nur einmal belichtet, hier in diesem Bild,
nur ein einziges Mal den Strich unter die Rechnung der ersten Gesten gesetzt,
und die Kunst, meine Damen und Herren, die viele schöne Kunst, die käufliche
und die unverkäufliche, die große und die kleine, die heutige und die
vergangene, ist immer nur der Endzustand der tausend unsichtbaren Wege, nämlich
der Wege hier herein in diese Räume.
Das Publikum klatscht und die Gruppe
geht ab.
ENDE