Dienstag, 25. September 2012


ohne Titel, Ausdruck auf Papier, 11,5cm mal 19 cm, Wien 2012


Figuren:
Paul, arbeitslos, 35
Andrea, Psychoanalytikerin, Alter unbekannt (sie sind ein Paar)
Zwei ältere Damen
Unterschätztes Kind
Ein namenloser Besucher
Eine Führerin
Eine Gruppe

1. Bild

Paul und Andrea stehen allein in einem riesigen Vorstadtmuseum vor einem abstrakten Bild eines österreichischem Künstlers mit dem Titel: „Der Hundebesitzer, diesmal zwar ohne Hund, dafür geht er sonntags in den Prater um drei Langos zu essen und im Schweizerhaus 31 Bier zu trinken, wo er immer zwei alte Bekannte trifft, die einen Swingerklub im achten oder siebten Bezirk betreiben. So genau weiß das der Hundebesitzer nicht, denn er ist glücklich verheiratet und hat mit seiner Frau zwei gemeinsame Gurken im Kühlschrank“.

Andrea: Der Titel sagt alles, das muss ein unbeschreiblicher Trottel sein, der Künstler
Paul: Wie heißt der noch mal?
Andrea: Steht eh da unten rechts: Ph. Tr.
Paul: Nie gehört, toll wie meine Stimme hier nachhallt spricht lauter NIE GEHÖRT
Andrea: Du glaubst wirklich der heißt Ph. Tr, gell?
Paul: Na ja, vielleicht ein Schwede? Erinnert mich sowieso irgendwie an Ikea hier, von der Größe, nur halt an einen ausgeräumten Ikea.
Andrea: Und weniger Menschen, also eigentlich niemand und die Poster im Shop sind teuerer?
Paul: Wenn ich mir dieses Bild da anschaue, dann denk ich mir, dass ich ja noch nie ein Freund von Hundebesitzern war, ich sag ja immer Hunde ja, Besitzer nein!
Andrea: Der Max ist ja auch so ein typischer Hundebesitzer, aber dafür ist er halt ein Weinkenner.
Paul: Ich sag auch immer Wein ja, Kenner nein!
Andrea: Obwohl der Hund vom Max schon längst vom Nachbarn und so. Grässlich eigentlich, die sollte man alle besser wegsperren. Aber natürlich Notwehr und hier haben Sie Ihre Walther PPK wieder zurück, zielen sie halt das nächste Mal aufs Knie, entschuldigen sie die Störung und gute Weiterreise.
Paul: Reise ja, Führer lieber nicht! Ich könnt das ewig machen. Wen sollte man besser wegsperren?
Andrea: Außer Kontrolle geratene Waffenbesitzer und so.
Paul: Waffen ja, nein, da stimmt was nicht. Aber im Allgemeinen sag ich ja eher nein zu Führern, Besitzern und Kennern.
Andrea: Und zu Kunstkennern?
Paul: Aber der Max ist sogar ohne Hund noch ein Hundebesitzer. Das ist beim ihm mehr ein Zustand als ein Verhältnis.
Andrea: Apropos Verhältnis, wie geht’s eigentlich der Uschi?
Paul: Uschi ja, Verhältnis nein.
A: Hör auf!
P: Hör ja, auf nein!
A: Also gut, das ist sinnlos.
P: Kunstkenner sind ja speziell für den Hugo, ich sehe sie immer vor mir, zwischen Kunst und Betrachtung, und sie wissen nicht so recht, wo sie jetzt eigentlich hin gehören.
A: Und immer diese Schals und Socken.
P: Was für Socken?
A: Grüne, gelbe, türkise, rosa, himmelblaue, orange, türkise, rote und so, immer diese auffälligen Farben, als würden sie einerseits an Verstopfung leiden, andererseits aber ständig am Klo sitzen.
P: Also du als Frau Analytikerin, wäre in dem Fall das Scheißen die Betrachtung und die Verstopfung die Kunst, oder umgekehrt?
A. Ich würde sagen umgekehrt.
P: Und die Schals?
A: Welche Schals?
P: Schals und Socken hast du gesagt.
A: Genau! Egal bei welchem Wetter, sie tragen Schals, als würden sie nicht nur unter Verstopfung leiden, sondern auch an chronischem Halsweh, vom zu viel geistreich Reden.
P: Hals ja, Weh nein, aber das kenn ich auch von Veranstaltern, besseren Autohändler und generell von Männer mit langen zurück geföhnten Haaren, die ihren Frauen und besonders ihren Nichtfrauen imponieren wollen.
A: Das Bild ist übrigens ziemlich langweilig, das Rot hat so eine ermüdende Präsenz und so.
P: Die drei braunen Kreise sind wahrscheinlich die Langos, oder sagt man die Langos s? Und die vielen gelben Striche sind die Bier, oder sagt man die Biere.
A: Da bräuchten wir einen Sprachexperten, aber ich weiß schon, was jetzt kommt.
P: Sprachexperte? Also! Sprach ja, Zarathustra nein! Gut! Oder? Ich sag einfach Bier.
A: Das sollten wir auch wieder mal machen, vollfressen und betrinken, statt hier blöd im Museum herumstehen, das kauft uns eh keiner ab.
P: Nicht, wenn du weiter redest.
A: Das ganze Programm: Geisterbahn, Autodrom, Hochschaubahn, Schweitzerhaus, noch mal Hochschaubahn und Kotzen.
P: Und weiter!
A: Ich hab ja oft das Gefühl, wenn ich vor Bildern steh, dass sie mir genau das zeigen, was ich statt davor zu stehen, tun sollte und so. So wie dieses Buch, von diesem deutschen Philosophen. Tun statt Lesen, Kotzen statt Schauen. Wie heißt der Philosoph noch einmal?
P: Michael Häupl?
A: Du musst dein Leben ändern, so heißt das Buch, und der Autor heißt Peter irgendwas, Schlotterteig! So heißt der! sagt es stolz Peter Schlotterteig
P: Und was zeigt dir dieses Bild außer Hochschaubahn und Kotzen noch?
A: Es zeigt mir, dass mich die Kunst vor dem wahren Leben behüten will.
P: Geh bitte, vor welchem wahren Leben? Meinst du den Coiffeur Michel?
A: Und es zeigt mir, dass sich das wahre Leben in die heiligen vier Wände der Museen zurückgezogen hat.
P: Unverkäuflich und alarmgesichert, das ist gut.
A: Und meistens ist das wahre Leben schlecht ausgeleuchtet. Wenigstens ist der Bus hierher gratis gewesen. Immerhin.
P: Immer ja, hin nein.
A: Apropos Gratis Bus. Ikea macht es ja genauso. Fahr gratis hin, komm günstig weg, oder so.
P: Noch günstiger kommst du weg, wenn du gar nicht hin fährst.
A: Fahr gar nicht hin, komm gratis weg!
P: Oder noch besser: fahr gar nicht hin und aus! Dann ersparst du dir nämlich einen halben Satz und einen ganzen Tag.
A: Stell dir vor, wir kommen hier nie mehr weg
P: Fahr gratis hin, komm nie mehr weg!
A unbeteiligt: Meine Reisen durch die vielen Stunden der Lust, durch die einsamen Landschaften der Begierden, über die kargen Hügel des Erwartens und in die dunklen Wälder der Vollendung, beginnen immer wieder hier, im Supermarkt der Enttäuschungen. A ist über sich selbst verwirrt


2. Bild

Sie gehen zum nächsten Bild. Der Titel ist: „Deutsche Postidealisten beim Gruppensex“. Vor dem Bild stehen außerdem zwei sehr alte Damen in Trachten, zwischen ihnen ein unterschätztes Kind

P: Übrigens Ikea! Stell dir vor, die würden eine Couch „Deutsche Postidealisten beim Gruppensex“ nennen, die wären sofort weg, aber die Produkte haben ja alle so komische Namen dort, die Lampenschirme heißen Gmöwülst oder so, die Teppiche Rümsflög, die Regale heißen Billy, die sind eh bekannt, aber zutrauen würde ich das den Schweden schon.
A: Der Künstler hat´s irgendwie mit Bumsen.
P: Wer nicht?
A. Da fällt mir einer ein
P: Dir fällt zu allem immer einer ein, ob Postidealist oder Bigamist oder was weiß ich.
1. Dame: Also bitte
2. Dame: Also bitte
Unterschätztes Kind: Was sind Postidealisten?
Die Drei gehen, die 1. Dame zieht das Kind hinter sich her, die zweite Dame schimpft unverständlich vor sich hin, doch es klingt wie die Wörter: Museum und Saufratzen und früher und hätte und sicher und unverständlich und dann wäre ein für all Mal Schluss damit.
P: Vor kurzem habe ich eine Glühbirne beim Ikea gekauft, die hat „Flottfick“ (gibt es wirklich) geheißen, geschrieben wie „Flottfick“.
A: Eine Glühbirne! Und wo hast du die reingeschraubt?
P: Haha, das ist gut, die habe ich noch in petto!
A: Aber das Kind hat recht, was sind eigentlich Postidealisten?
P: Auf jeden Fall Deutsche, wegen der Qualität, ich find ja überhaupt, dass es nur Deutsche auf der Welt geben sollte, Deutsche und den Dalai Lama, der Rest zählt nicht. Vielleicht noch den Berlusconi und den Hugo Chavez, weil die sind irgendwie auch noch lustig.
A: Die Frieda ist auch Deutsche
P: Aber die Frieda ist sicher nicht lustig, aber ich sag jetzt lieber nichts, ich glaub ja, dass Postidealisten Deutsche sind, die lauthals und begeistert meinen, die österreichische Post AG hat eine Zukunft, auch wenn man keinen Brief abschickt, deswegen das angedeutete Posthorn im Bild.
A: Das ist ein verknotetes Kondom, wenn du mich fragst.
P: Kommt auf dasselbe raus, aber ich find ja, dass dieses Museum wirklich ein bisschen wie das Ikea ist, dieselben Leute, nur weniger davon, weil natürlich die Produkte hier „Kunst“ heißen und nicht „Flottfick“, außerdem steht am Eingang vom Ikea „Eingang“ und nicht „PH. TR.“ und dazu noch ein Wort, das nach Darmspiegelung klingt.
A: Ich glaub, bei Postidealisten handelt es sich um Deutsche nach Hegel und Fichte und so? Auf Gutdeutsch, es ist wieder auszuhalten nur „an sich“ zu sein.
P: Bin ich froh. Der Boris Becker wäre dann ein klassischer Postidealist, der ist nämlich ziemlich nur „an sich“, und der Alfons Haider überhaupt, der wiederum ist halt kein Deutscher, sondern von der Nationalität her eher ein Hundebesitzer ohne Hund. Das ist natürlich auch ziemlich postidealistisch, nur halt die österreichische Variante davon. Oder hat der einen Hund? Schau da hinten, ein Besucher, nicht bewegen, sonst ist er weg. Der fühlt sich sicher gerade irrsinnig „an sich“, was soll das überhaupt heißen? An sich?
A: Das heißt, dass es im Grunde erstmal reicht, so ein Depp wie du zu sein, der Rest wäre dann Luxus pur. Aber es gibt natürlich auch negativ Ausnahmen für den deutschen Postidealisten.
P: Zum Beispiel?
A: Den Thilo Sarrazin zum Beispiel, der ist viel zu schlecht aufgelegt für diese Welt. Mit der Einstellung bekommst du höchstens eine Zweizimmerwohnung in Berchtesgaden.
P: Na Wumm! Das ist ziemlich unter die Gürtellinie.
Paul denkt nach und sagt nachdenklich.
So kriegen die das Museum nie voll, vielleicht sollten die Museumsbetreiber auch einfach nur sagen „hier rein, da durch, hier raus, dort Warenausgabe, jetzt gibt’s Würstel und dort ist die Badner Bahn“.
A: Na ja, ist eh ähnlich hier, aber dann sollten sie aber auch gleich so eine bunte Kugelkiste aufstellen, in der die lästigen Kinder verschwinden.
P: Diese Badner Bahn ist Gott sei Dank schon abgefahren
A unbeteiligt: Mein Alter ist unbekannt, meine Haare gefärbt, und ich bin die einzige Frau dieser Welt, die statt älter jünger wird, die statt hässlicher schöner wird,
die lieber Leben rettet
statt ihre Liebe in Essig einbettet.
A ist über sich selbst verwirrt


3. Bild

Das Bild hat den Titel „ohne Freud kein Penisneid“, das Museum füllt sich.

P: Was ist denn jetzt los? Hab ich das falsche Prospekt gelesen?
A. Der Titel ist diesmal aber gut. Und es reimt sich sogar, statt Leid, Penisneid
P: Ich muss aufs Klo, bei Ikea zum Beispiel….
A: Was hast du die ganze Zeit mit diesem blöden Ikea
P: Das will ich ja gerade sagen, bei Ikea gibt’s diese Abkürzungen, da sind sie ja nett dort, weil da kannst du durch eine art Geheimgang gleich in den Kassenbereich und musst nicht durch die Schlafzimmer-, Küchen-, Wohnzimmer-, Teppich-, Kinderzimmerabteilung und Blumenabteilung wenn du nur deine „Flottfick“ Glühbirne zahlen und aufs Klo willst, verstehst du warum ich das sag, hier musst du erst mal am (Prachensky) vorbeikommen.
A: Das Klo ist glaub ich da vorn rechts!
P: Na gut, das schaff ich.
A: Was hast Du eigentlich gegen meine Freundin Frieda?
P: Freundin ja, Frieda sicher nicht!
A: Die ist doch nett und außerdem lad ich sie eh nur zweimal im Monat ein.
P: Gefühlt ist das bei der aber zweimal pro Stunde und dann natürlich immer mit bester deutscher Laune, die blöde Kuh, zuerst „Kaffee und Kuchen“ und „alles so klasse und ulkig hier bei euch in Österreich“, und später Birnenschnaps und Weinkrampf und die Österreicher alle Arschlöcher und hinterfotzig, speziell natürlich die Ostösterreicher.
A: Als wärst du so oft zu Hause.
P: Was hat das mit den Arschlöchern zu tun, aber ich halt das nicht aus, diese super Laune zuerst und dann ohne Vorwarnung sofort Weltuntergang. Die ist doch ein psychologischer Todesfall, gerade du solltest das wissen.
A: Sie geht doch eh schon achtmal im Monat zum Analytiker
P: Genau, und nachher auf den jüdischen Friedhof
A unbeteiligt: Im Frühling, wenn die ersten Störche wieder aus dem Süden kommen und die feuchten Wiesen wieder blühen, dann gibt es nichts Schöneres für mich, als die Mitarbeiter der Malerei Firma Laiminger, Kompetenz in Farben. A ist über sich selbst verwirrt
P: Ich weiß nicht, ich weiß nicht, irgendwie erinnert mich dieses Bild an die zehnte Station am Kreuzweg.
A: Aha, interessant, „Jesus wird seiner Kleider beraubt“, das passt eher zum Gruppensexbild, aber dann würde noch die achte Station fehlen, „Jesus begegnet den weinenden Frauen“. Aber es passt insgesamt auch zum Leid, mit dem der Bildtitel so lustig spielt, weil sich der Penisneid ja nicht nur auf Leid reimt, sondern auch Leid ist.
P: Damit hab ich jetzt nicht gerechnet, dass du dich beim Kreuzweg so gut auskennst, weil ich hab ja überhaupt keine Ahnung, was ich von dem Bild halten soll. Schwarz ist es! Und ein bisschen verärgert.
A: Diese ganzen Leidensgeschichten sind total wichtig in meinem Job, besonders, wenn ein Katholik in meiner Praxis steht. Am liebsten haben die Blut und Leid und ihre heiligen Mütter, manchmal auch Sex und Leid und Mütter, bei Frauen ist es halt alles außer Mütter, dafür mit Penisneid. Aber ohne Leid wären die völlig verloren. Protestanten sind da viel beruhigter, übrigens auch eine Gemeinsamkeit zwischen hier und Ikea.
P: Wieso?
A: Na ja, sowohl Ikea als auch hier, beide Chefs Protestanten, beide erfolgreich, weil das Erfolgreiche ist ja fast schon eine Eigenschaft von den Protestanten. Ganz arg wird’s dann bei den Schweizer Calvinisten.
P: Vielleicht haben die ja vorher telefoniert, wegen der Gratis Bus Idee. „He du, alter Schwede, wie wäre es mit günstig hin und gratis weg?“ „Super, aber das gebe ich vorher lieber noch meinen Textern“. Aber ich frag mich ja jetzt, warum die meistens Sätze im Neuen Testament mit UND beginnen, und so kamen sie, und so zahlten sie, und so schauten sie, und so gingen sie dann wieder, meistens zurück zu ihrer Schafherde, weil das waren ja alles Hirten, so wie wir gerade gekommen sind, gezahlt haben und jetzt blöd schauen, ohne Schafherde halt, weil wir sind ja keine Hirten, das wäre dann wieder ein Unterschied: nämlich beim Ikea schaut man vorher blöd und zahlt dann, und hier zahlt man zuerst, dann kann man sich noch aussuchen ob man zum Blödschauen rein geht oder nicht, das ist ja wieder der Vorteil hier, weil wenn du beim Ikea an der Kassa stehst, ist meistens alles schon zu spät, hier kannst du es dir noch anders überlegen, weil da zahlst du vorher, aber wenn du rein gehst, dann kannst du schauen oder nicht, das haben die zwei jetzt wieder gemeinsam, obwohl ich wenn schon, eher hier schauen würde, weil wie gesagt, hier ist es vorher schon zu spät und beim Ikea nachher, dort kannst du dir nämlich, wenn du nicht so viel schaust, ziemlich viel ersparen, hier ist es wurst. Finanziell jetzt. Aber wie gesagt eher hier als dort. Wenn es rein ums Schauen geht!
A: Ich versteh, und was, wenn du zahlst und draußen bleibst?
P: Nichts! Dann bleibt alles beim Alten. Nur bist du halt um 7 Euro ärmer. Aber kommt drauf an, wenn du nämlich eine Gruppe ab 15 Personen oder ein Senior bist, dann zahlst du fürs Draußenbleiben nur 5 Euro pro Mann und Nase. Das musst du dir mal vorstellen, eine Gruppe von 15 Senioren, ich weiß jetzt nicht, ob das dann noch billiger ist, kommt mit dem Gratisbus hergefahren, zahlt und dann gehen die sofort wieder.
A: Und das Zahlen und draußen Bleiben, gibt’s nur hier, beim Ikea nicht! Aber das Erlebnis des draußen Bleibens würde ich mir an sich auch was kosten lassen, dieses Erlebnis ist ja auch ein Entscheidungserlebnis, zur Freiheit nämlich, und das für sieben Euro. Das ist günstig für die Freiheit. Hier bitte schön, danke sehr, leckts mich und ich bin frei!
P: Weil wenn eine Gruppe aus Senioren besteht, dann müsste eigentlich der Preis, na ja, ist jetzt auch wieder wurst, weil wir sind ja weder noch


4. Bild

Der Titel des letzten Ausstellungsbildes ist „Und ohne Titel“
Das Museum wird voller und voller, und die Luft um Andrea und Paul immer dünner

A: Wahrscheinlich steht dieses UND immer am Anfang der Bibelsätze, um uns weiß zu machen, dass es außer Gott keinen Anfang gibt. Aber apropos Gott, wenn du dich hier umschaust, alles passionierte Leider, der da neben dir, ein totaler Leider, schau mal, wie der sich zum interessierten Betrachten zwingt, die Schmerzen, die der haben muss, Wahnsinn, dabei wäre der sicher viel lieber gerade in der Werkzeugabteilung bei den Akkubohrern.
P: Und immer so tun, als wäre alles heilig und bitte um Ruhe und Achtung! Achtung! weil hier sind sogar die Gedanken alarmgesichert, und wenn du nur was Dummes denkst, dann kommt sofort der super unauffällige Hochkulturwächter von dort drüben und mahnt dich ab: „Bitte nicht so laut dumm denken, wir sind hier in einem Museum“. „Ach so, ich dachte wir sind in der Wandteppichabteilung“ haha, und dann nimmt der ein paar Schritte Abstand und flüstert was in seinen Kragen: „Willibald aus Raum 3 hier, ich glaub wir haben da einen Notfall“, und dann greift er sich ans Ohr, das kennt der aus diesen FBI Serien, „Hier Anton aus Raum 14, was ist los, will der Künstler schon wieder einen 13 jährigen Buben?“, „Willibald aus Raum 3, nein, aber hier ist schon wieder einer, der den falschen Gratis Bus genommen hat!“ „Anton Raum 14, sofort in den Museumsshop mit ihm, aber unauffällig“.
Eine Gruppe mit Führerin drängt sich neben sie.
P: Auch das noch!
Die Führerin: Und hier das letzte Werk aus der Spätphase des Künstlers…
Das Publikum macht OOOOOOHHHHHHHH
P: Ich kotz gleich, das ist ja schlimmer als in den Uffizien
F: Zu erkennen an dem schon gelassenen Strich, der abgeklärten Farbwahl, nämlich des auf den kommenden Tod anspielenden Schwarz´…
A: Na danke
F: Er war ja unheilbar an Hodenkrebs erkrankt…
Das Publikum macht UI!
P: Hoden ja, Krebs nein! Wo ist der Ausgang?
F: Und natürlich erkennbar am Titel, eben nicht nur eine Anspielung auf Sigmund Freud und seine „Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens“ sonder auch auf die Krankheit des Künstlers selbst
Das Publikum macht AHA!
A: Ich glaub die stehen vorm falschen Bild, aber das ist sowieso kompletter Schwachsinn, was die da redet. Penisneid und Hodenkrebs, da kann sie gleich sagen Extrawurst und Gurkerl
P brüllend: He, das Penisbild ist da drüben, nicht mehr brüllend Andrea ich muss hier raus!
A unbeteiligt In meinen einsamsten Stunden, wenn die Träume des Lebens wie Libellen über das Wasser gleiten und die Stunde des bösen Erwachens naht, dann ist alles was ich will, zuerst trocken und dann schön feucht. A verwirrt über sich selbst
F: Außerdem ist bei genauerer oder längerer Betrachtung des Bildzentrums zu sehen, dass uns trotz totaler Abstraktion ein perspektivischer Sog auf eine unsichtbare andere Seite zieht…
Das Publikum macht HHHMMMM, Paul und Andrea verschwinden durch die Menge, durch den Ausgang und sind weg, während die Führerin weiter redet
F: Die Grundidee aller seiner Bilder nämlich ist, sehr verehrtes Publikum, der permanente Transzendenzdruck des Augenblicks, festgehalten in einem bildnerischen Schulterzucken gegenüber dem drohenden Tod, und hier in diesem allerletzten seiner Bilder bündeln sich diese Idee und dieses Schulterzucken zur absoluten Bedeutung, in Farbe und Form, in Kraft und Ehrfurcht, in himmelhoch schreiendem Mut und abgrundtiefer Angst. Dieses Bild, mein sehr verehrtes Publikum ist die große Zusammenfassung der allgemeinen Kunstgeschichten, denn die einzelne Kunst selbst ist, und ich möchte nicht sagen nur, ist aber dennoch nur das erste Geräusch der tausend ersten Gesten, bevor sie zum ersten Mal und für immer in den ewigen Kreislauf stürzen und verschwinden, und Sie, meine Damen und Herren müssen nicht hier sein, um diese ersten Gesten zu begreifen, denn die Gesten sind überall, Sie müssen hier sein, um die Arbeit jener Menschen zu begreifen, die sich diesem Geräusch verschrieben haben, die immer hörend suchen, auf Zehen- und Ohrenspitzen, auf Gedeih und Verderb, und sich mit Leib und Seele dem Lauern und dem Sichern, dem Nachahmen und dem Zurückwerfen hingeben. Und lassen Sie sich nicht täuschen, meine Damen und Herren, vom Hochdruckgeist der eloquenten Schreihälse, vom Feuersturm der hyperkreativen Heißluftspucker, es ist der einzelne, fast unhörbare Funke unendlicher Wiederholungs- und Vertikalarbeit eines Menschen, der das Warten und das Greifen, das Halten und das Tun zur Perfektion treiben will, nur einmal belichtet, hier in diesem Bild, nur ein einziges Mal den Strich unter die Rechnung der ersten Gesten gesetzt, und die Kunst, meine Damen und Herren, die viele schöne Kunst, die käufliche und die unverkäufliche, die große und die kleine, die heutige und die vergangene, ist immer nur der Endzustand der tausend unsichtbaren Wege, nämlich der Wege hier herein in diese Räume.
Das Publikum klatscht und die Gruppe geht ab.


ENDE

ohne Titel, Ausdruck auf Papier, 11,5cm mal 19 cm, Wien 2012


Figuren:
Paul, arbeitslos, 35
Andrea, Psychoanalytikerin, Alter unbekannt (sie sind ein Paar)
Zwei ältere Damen
Unterschätztes Kind
Ein namenloser Besucher
Eine Führerin
Eine Gruppe

1. Bild

Paul und Andrea stehen allein in einem riesigen Vorstadtmuseum vor einem abstrakten Bild eines österreichischem Künstlers mit dem Titel: „Der Hundebesitzer, diesmal zwar ohne Hund, dafür geht er sonntags in den Prater um drei Langos zu essen und im Schweizerhaus 31 Bier zu trinken, wo er immer zwei alte Bekannte trifft, die einen Swingerklub im achten oder siebten Bezirk betreiben. So genau weiß das der Hundebesitzer nicht, denn er ist glücklich verheiratet und hat mit seiner Frau zwei gemeinsame Gurken im Kühlschrank“.

Andrea: Der Titel sagt alles, das muss ein unbeschreiblicher Trottel sein, der Künstler
Paul: Wie heißt der noch mal?
Andrea: Steht eh da unten rechts: Ph. Tr.
Paul: Nie gehört, toll wie meine Stimme hier nachhallt spricht lauter NIE GEHÖRT
Andrea: Du glaubst wirklich der heißt Ph. Tr, gell?
Paul: Na ja, vielleicht ein Schwede? Erinnert mich sowieso irgendwie an Ikea hier, von der Größe, nur halt an einen ausgeräumten Ikea.
Andrea: Und weniger Menschen, also eigentlich niemand und die Poster im Shop sind teuerer?
Paul: Wenn ich mir dieses Bild da anschaue, dann denk ich mir, dass ich ja noch nie ein Freund von Hundebesitzern war, ich sag ja immer Hunde ja, Besitzer nein!
Andrea: Der Max ist ja auch so ein typischer Hundebesitzer, aber dafür ist er halt ein Weinkenner.
Paul: Ich sag auch immer Wein ja, Kenner nein!
Andrea: Obwohl der Hund vom Max schon längst vom Nachbarn und so. Grässlich eigentlich, die sollte man alle besser wegsperren. Aber natürlich Notwehr und hier haben Sie Ihre Walther PPK wieder zurück, zielen sie halt das nächste Mal aufs Knie, entschuldigen sie die Störung und gute Weiterreise.
Paul: Reise ja, Führer lieber nicht! Ich könnt das ewig machen. Wen sollte man besser wegsperren?
Andrea: Außer Kontrolle geratene Waffenbesitzer und so.
Paul: Waffen ja, nein, da stimmt was nicht. Aber im Allgemeinen sag ich ja eher nein zu Führern, Besitzern und Kennern.
Andrea: Und zu Kunstkennern?
Paul: Aber der Max ist sogar ohne Hund noch ein Hundebesitzer. Das ist beim ihm mehr ein Zustand als ein Verhältnis.
Andrea: Apropos Verhältnis, wie geht’s eigentlich der Uschi?
Paul: Uschi ja, Verhältnis nein.
A: Hör auf!
P: Hör ja, auf nein!
A: Also gut, das ist sinnlos.
P: Kunstkenner sind ja speziell für den Hugo, ich sehe sie immer vor mir, zwischen Kunst und Betrachtung, und sie wissen nicht so recht, wo sie jetzt eigentlich hin gehören.
A: Und immer diese Schals und Socken.
P: Was für Socken?
A: Grüne, gelbe, türkise, rosa, himmelblaue, orange, türkise, rote und so, immer diese auffälligen Farben, als würden sie einerseits an Verstopfung leiden, andererseits aber ständig am Klo sitzen.
P: Also du als Frau Analytikerin, wäre in dem Fall das Scheißen die Betrachtung und die Verstopfung die Kunst, oder umgekehrt?
A. Ich würde sagen umgekehrt.
P: Und die Schals?
A: Welche Schals?
P: Schals und Socken hast du gesagt.
A: Genau! Egal bei welchem Wetter, sie tragen Schals, als würden sie nicht nur unter Verstopfung leiden, sondern auch an chronischem Halsweh, vom zu viel geistreich Reden.
P: Hals ja, Weh nein, aber das kenn ich auch von Veranstaltern, besseren Autohändler und generell von Männer mit langen zurück geföhnten Haaren, die ihren Frauen und besonders ihren Nichtfrauen imponieren wollen.
A: Das Bild ist übrigens ziemlich langweilig, das Rot hat so eine ermüdende Präsenz und so.
P: Die drei braunen Kreise sind wahrscheinlich die Langos, oder sagt man die Langos s? Und die vielen gelben Striche sind die Bier, oder sagt man die Biere.
A: Da bräuchten wir einen Sprachexperten, aber ich weiß schon, was jetzt kommt.
P: Sprachexperte? Also! Sprach ja, Zarathustra nein! Gut! Oder? Ich sag einfach Bier.
A: Das sollten wir auch wieder mal machen, vollfressen und betrinken, statt hier blöd im Museum herumstehen, das kauft uns eh keiner ab.
P: Nicht, wenn du weiter redest.
A: Das ganze Programm: Geisterbahn, Autodrom, Hochschaubahn, Schweitzerhaus, noch mal Hochschaubahn und Kotzen.
P: Und weiter!
A: Ich hab ja oft das Gefühl, wenn ich vor Bildern steh, dass sie mir genau das zeigen, was ich statt davor zu stehen, tun sollte und so. So wie dieses Buch, von diesem deutschen Philosophen. Tun statt Lesen, Kotzen statt Schauen. Wie heißt der Philosoph noch einmal?
P: Michael Häupl?
A: Du musst dein Leben ändern, so heißt das Buch, und der Autor heißt Peter irgendwas, Schlotterteig! So heißt der! sagt es stolz Peter Schlotterteig
P: Und was zeigt dir dieses Bild außer Hochschaubahn und Kotzen noch?
A: Es zeigt mir, dass mich die Kunst vor dem wahren Leben behüten will.
P: Geh bitte, vor welchem wahren Leben? Meinst du den Coiffeur Michel?
A: Und es zeigt mir, dass sich das wahre Leben in die heiligen vier Wände der Museen zurückgezogen hat.
P: Unverkäuflich und alarmgesichert, das ist gut.
A: Und meistens ist das wahre Leben schlecht ausgeleuchtet. Wenigstens ist der Bus hierher gratis gewesen. Immerhin.
P: Immer ja, hin nein.
A: Apropos Gratis Bus. Ikea macht es ja genauso. Fahr gratis hin, komm günstig weg, oder so.
P: Noch günstiger kommst du weg, wenn du gar nicht hin fährst.
A: Fahr gar nicht hin, komm gratis weg!
P: Oder noch besser: fahr gar nicht hin und aus! Dann ersparst du dir nämlich einen halben Satz und einen ganzen Tag.
A: Stell dir vor, wir kommen hier nie mehr weg
P: Fahr gratis hin, komm nie mehr weg!
A unbeteiligt: Meine Reisen durch die vielen Stunden der Lust, durch die einsamen Landschaften der Begierden, über die kargen Hügel des Erwartens und in die dunklen Wälder der Vollendung, beginnen immer wieder hier, im Supermarkt der Enttäuschungen. A ist über sich selbst verwirrt


2. Bild

Sie gehen zum nächsten Bild. Der Titel ist: „Deutsche Postidealisten beim Gruppensex“. Vor dem Bild stehen außerdem zwei sehr alte Damen in Trachten, zwischen ihnen ein unterschätztes Kind

P: Übrigens Ikea! Stell dir vor, die würden eine Couch „Deutsche Postidealisten beim Gruppensex“ nennen, die wären sofort weg, aber die Produkte haben ja alle so komische Namen dort, die Lampenschirme heißen Gmöwülst oder so, die Teppiche Rümsflög, die Regale heißen Billy, die sind eh bekannt, aber zutrauen würde ich das den Schweden schon.
A: Der Künstler hat´s irgendwie mit Bumsen.
P: Wer nicht?
A. Da fällt mir einer ein
P: Dir fällt zu allem immer einer ein, ob Postidealist oder Bigamist oder was weiß ich.
1. Dame: Also bitte
2. Dame: Also bitte
Unterschätztes Kind: Was sind Postidealisten?
Die Drei gehen, die 1. Dame zieht das Kind hinter sich her, die zweite Dame schimpft unverständlich vor sich hin, doch es klingt wie die Wörter: Museum und Saufratzen und früher und hätte und sicher und unverständlich und dann wäre ein für all Mal Schluss damit.
P: Vor kurzem habe ich eine Glühbirne beim Ikea gekauft, die hat „Flottfick“ (gibt es wirklich) geheißen, geschrieben wie „Flottfick“.
A: Eine Glühbirne! Und wo hast du die reingeschraubt?
P: Haha, das ist gut, die habe ich noch in petto!
A: Aber das Kind hat recht, was sind eigentlich Postidealisten?
P: Auf jeden Fall Deutsche, wegen der Qualität, ich find ja überhaupt, dass es nur Deutsche auf der Welt geben sollte, Deutsche und den Dalai Lama, der Rest zählt nicht. Vielleicht noch den Berlusconi und den Hugo Chavez, weil die sind irgendwie auch noch lustig.
A: Die Frieda ist auch Deutsche
P: Aber die Frieda ist sicher nicht lustig, aber ich sag jetzt lieber nichts, ich glaub ja, dass Postidealisten Deutsche sind, die lauthals und begeistert meinen, die österreichische Post AG hat eine Zukunft, auch wenn man keinen Brief abschickt, deswegen das angedeutete Posthorn im Bild.
A: Das ist ein verknotetes Kondom, wenn du mich fragst.
P: Kommt auf dasselbe raus, aber ich find ja, dass dieses Museum wirklich ein bisschen wie das Ikea ist, dieselben Leute, nur weniger davon, weil natürlich die Produkte hier „Kunst“ heißen und nicht „Flottfick“, außerdem steht am Eingang vom Ikea „Eingang“ und nicht „PH. TR.“ und dazu noch ein Wort, das nach Darmspiegelung klingt.
A: Ich glaub, bei Postidealisten handelt es sich um Deutsche nach Hegel und Fichte und so? Auf Gutdeutsch, es ist wieder auszuhalten nur „an sich“ zu sein.
P: Bin ich froh. Der Boris Becker wäre dann ein klassischer Postidealist, der ist nämlich ziemlich nur „an sich“, und der Alfons Haider überhaupt, der wiederum ist halt kein Deutscher, sondern von der Nationalität her eher ein Hundebesitzer ohne Hund. Das ist natürlich auch ziemlich postidealistisch, nur halt die österreichische Variante davon. Oder hat der einen Hund? Schau da hinten, ein Besucher, nicht bewegen, sonst ist er weg. Der fühlt sich sicher gerade irrsinnig „an sich“, was soll das überhaupt heißen? An sich?
A: Das heißt, dass es im Grunde erstmal reicht, so ein Depp wie du zu sein, der Rest wäre dann Luxus pur. Aber es gibt natürlich auch negativ Ausnahmen für den deutschen Postidealisten.
P: Zum Beispiel?
A: Den Thilo Sarrazin zum Beispiel, der ist viel zu schlecht aufgelegt für diese Welt. Mit der Einstellung bekommst du höchstens eine Zweizimmerwohnung in Berchtesgaden.
P: Na Wumm! Das ist ziemlich unter die Gürtellinie.
Paul denkt nach und sagt nachdenklich.
So kriegen die das Museum nie voll, vielleicht sollten die Museumsbetreiber auch einfach nur sagen „hier rein, da durch, hier raus, dort Warenausgabe, jetzt gibt’s Würstel und dort ist die Badner Bahn“.
A: Na ja, ist eh ähnlich hier, aber dann sollten sie aber auch gleich so eine bunte Kugelkiste aufstellen, in der die lästigen Kinder verschwinden.
P: Diese Badner Bahn ist Gott sei Dank schon abgefahren
A unbeteiligt: Mein Alter ist unbekannt, meine Haare gefärbt, und ich bin die einzige Frau dieser Welt, die statt älter jünger wird, die statt hässlicher schöner wird,
die lieber Leben rettet
statt ihre Liebe in Essig einbettet.
A ist über sich selbst verwirrt


3. Bild

Das Bild hat den Titel „ohne Freud kein Penisneid“, das Museum füllt sich.

P: Was ist denn jetzt los? Hab ich das falsche Prospekt gelesen?
A. Der Titel ist diesmal aber gut. Und es reimt sich sogar, statt Leid, Penisneid
P: Ich muss aufs Klo, bei Ikea zum Beispiel….
A: Was hast du die ganze Zeit mit diesem blöden Ikea
P: Das will ich ja gerade sagen, bei Ikea gibt’s diese Abkürzungen, da sind sie ja nett dort, weil da kannst du durch eine art Geheimgang gleich in den Kassenbereich und musst nicht durch die Schlafzimmer-, Küchen-, Wohnzimmer-, Teppich-, Kinderzimmerabteilung und Blumenabteilung wenn du nur deine „Flottfick“ Glühbirne zahlen und aufs Klo willst, verstehst du warum ich das sag, hier musst du erst mal am (Prachensky) vorbeikommen.
A: Das Klo ist glaub ich da vorn rechts!
P: Na gut, das schaff ich.
A: Was hast Du eigentlich gegen meine Freundin Frieda?
P: Freundin ja, Frieda sicher nicht!
A: Die ist doch nett und außerdem lad ich sie eh nur zweimal im Monat ein.
P: Gefühlt ist das bei der aber zweimal pro Stunde und dann natürlich immer mit bester deutscher Laune, die blöde Kuh, zuerst „Kaffee und Kuchen“ und „alles so klasse und ulkig hier bei euch in Österreich“, und später Birnenschnaps und Weinkrampf und die Österreicher alle Arschlöcher und hinterfotzig, speziell natürlich die Ostösterreicher.
A: Als wärst du so oft zu Hause.
P: Was hat das mit den Arschlöchern zu tun, aber ich halt das nicht aus, diese super Laune zuerst und dann ohne Vorwarnung sofort Weltuntergang. Die ist doch ein psychologischer Todesfall, gerade du solltest das wissen.
A: Sie geht doch eh schon achtmal im Monat zum Analytiker
P: Genau, und nachher auf den jüdischen Friedhof
A unbeteiligt: Im Frühling, wenn die ersten Störche wieder aus dem Süden kommen und die feuchten Wiesen wieder blühen, dann gibt es nichts Schöneres für mich, als die Mitarbeiter der Malerei Firma Laiminger, Kompetenz in Farben. A ist über sich selbst verwirrt
P: Ich weiß nicht, ich weiß nicht, irgendwie erinnert mich dieses Bild an die zehnte Station am Kreuzweg.
A: Aha, interessant, „Jesus wird seiner Kleider beraubt“, das passt eher zum Gruppensexbild, aber dann würde noch die achte Station fehlen, „Jesus begegnet den weinenden Frauen“. Aber es passt insgesamt auch zum Leid, mit dem der Bildtitel so lustig spielt, weil sich der Penisneid ja nicht nur auf Leid reimt, sondern auch Leid ist.
P: Damit hab ich jetzt nicht gerechnet, dass du dich beim Kreuzweg so gut auskennst, weil ich hab ja überhaupt keine Ahnung, was ich von dem Bild halten soll. Schwarz ist es! Und ein bisschen verärgert.
A: Diese ganzen Leidensgeschichten sind total wichtig in meinem Job, besonders, wenn ein Katholik in meiner Praxis steht. Am liebsten haben die Blut und Leid und ihre heiligen Mütter, manchmal auch Sex und Leid und Mütter, bei Frauen ist es halt alles außer Mütter, dafür mit Penisneid. Aber ohne Leid wären die völlig verloren. Protestanten sind da viel beruhigter, übrigens auch eine Gemeinsamkeit zwischen hier und Ikea.
P: Wieso?
A: Na ja, sowohl Ikea als auch hier, beide Chefs Protestanten, beide erfolgreich, weil das Erfolgreiche ist ja fast schon eine Eigenschaft von den Protestanten. Ganz arg wird’s dann bei den Schweizer Calvinisten.
P: Vielleicht haben die ja vorher telefoniert, wegen der Gratis Bus Idee. „He du, alter Schwede, wie wäre es mit günstig hin und gratis weg?“ „Super, aber das gebe ich vorher lieber noch meinen Textern“. Aber ich frag mich ja jetzt, warum die meistens Sätze im Neuen Testament mit UND beginnen, und so kamen sie, und so zahlten sie, und so schauten sie, und so gingen sie dann wieder, meistens zurück zu ihrer Schafherde, weil das waren ja alles Hirten, so wie wir gerade gekommen sind, gezahlt haben und jetzt blöd schauen, ohne Schafherde halt, weil wir sind ja keine Hirten, das wäre dann wieder ein Unterschied: nämlich beim Ikea schaut man vorher blöd und zahlt dann, und hier zahlt man zuerst, dann kann man sich noch aussuchen ob man zum Blödschauen rein geht oder nicht, das ist ja wieder der Vorteil hier, weil wenn du beim Ikea an der Kassa stehst, ist meistens alles schon zu spät, hier kannst du es dir noch anders überlegen, weil da zahlst du vorher, aber wenn du rein gehst, dann kannst du schauen oder nicht, das haben die zwei jetzt wieder gemeinsam, obwohl ich wenn schon, eher hier schauen würde, weil wie gesagt, hier ist es vorher schon zu spät und beim Ikea nachher, dort kannst du dir nämlich, wenn du nicht so viel schaust, ziemlich viel ersparen, hier ist es wurst. Finanziell jetzt. Aber wie gesagt eher hier als dort. Wenn es rein ums Schauen geht!
A: Ich versteh, und was, wenn du zahlst und draußen bleibst?
P: Nichts! Dann bleibt alles beim Alten. Nur bist du halt um 7 Euro ärmer. Aber kommt drauf an, wenn du nämlich eine Gruppe ab 15 Personen oder ein Senior bist, dann zahlst du fürs Draußenbleiben nur 5 Euro pro Mann und Nase. Das musst du dir mal vorstellen, eine Gruppe von 15 Senioren, ich weiß jetzt nicht, ob das dann noch billiger ist, kommt mit dem Gratisbus hergefahren, zahlt und dann gehen die sofort wieder.
A: Und das Zahlen und draußen Bleiben, gibt’s nur hier, beim Ikea nicht! Aber das Erlebnis des draußen Bleibens würde ich mir an sich auch was kosten lassen, dieses Erlebnis ist ja auch ein Entscheidungserlebnis, zur Freiheit nämlich, und das für sieben Euro. Das ist günstig für die Freiheit. Hier bitte schön, danke sehr, leckts mich und ich bin frei!
P: Weil wenn eine Gruppe aus Senioren besteht, dann müsste eigentlich der Preis, na ja, ist jetzt auch wieder wurst, weil wir sind ja weder noch


4. Bild

Der Titel des letzten Ausstellungsbildes ist „Und ohne Titel“
Das Museum wird voller und voller, und die Luft um Andrea und Paul immer dünner

A: Wahrscheinlich steht dieses UND immer am Anfang der Bibelsätze, um uns weiß zu machen, dass es außer Gott keinen Anfang gibt. Aber apropos Gott, wenn du dich hier umschaust, alles passionierte Leider, der da neben dir, ein totaler Leider, schau mal, wie der sich zum interessierten Betrachten zwingt, die Schmerzen, die der haben muss, Wahnsinn, dabei wäre der sicher viel lieber gerade in der Werkzeugabteilung bei den Akkubohrern.
P: Und immer so tun, als wäre alles heilig und bitte um Ruhe und Achtung! Achtung! weil hier sind sogar die Gedanken alarmgesichert, und wenn du nur was Dummes denkst, dann kommt sofort der super unauffällige Hochkulturwächter von dort drüben und mahnt dich ab: „Bitte nicht so laut dumm denken, wir sind hier in einem Museum“. „Ach so, ich dachte wir sind in der Wandteppichabteilung“ haha, und dann nimmt der ein paar Schritte Abstand und flüstert was in seinen Kragen: „Willibald aus Raum 3 hier, ich glaub wir haben da einen Notfall“, und dann greift er sich ans Ohr, das kennt der aus diesen FBI Serien, „Hier Anton aus Raum 14, was ist los, will der Künstler schon wieder einen 13 jährigen Buben?“, „Willibald aus Raum 3, nein, aber hier ist schon wieder einer, der den falschen Gratis Bus genommen hat!“ „Anton Raum 14, sofort in den Museumsshop mit ihm, aber unauffällig“.
Eine Gruppe mit Führerin drängt sich neben sie.
P: Auch das noch!
Die Führerin: Und hier das letzte Werk aus der Spätphase des Künstlers…
Das Publikum macht OOOOOOHHHHHHHH
P: Ich kotz gleich, das ist ja schlimmer als in den Uffizien
F: Zu erkennen an dem schon gelassenen Strich, der abgeklärten Farbwahl, nämlich des auf den kommenden Tod anspielenden Schwarz´…
A: Na danke
F: Er war ja unheilbar an Hodenkrebs erkrankt…
Das Publikum macht UI!
P: Hoden ja, Krebs nein! Wo ist der Ausgang?
F: Und natürlich erkennbar am Titel, eben nicht nur eine Anspielung auf Sigmund Freud und seine „Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens“ sonder auch auf die Krankheit des Künstlers selbst
Das Publikum macht AHA!
A: Ich glaub die stehen vorm falschen Bild, aber das ist sowieso kompletter Schwachsinn, was die da redet. Penisneid und Hodenkrebs, da kann sie gleich sagen Extrawurst und Gurkerl
P brüllend: He, das Penisbild ist da drüben, nicht mehr brüllend Andrea ich muss hier raus!
A unbeteiligt In meinen einsamsten Stunden, wenn die Träume des Lebens wie Libellen über das Wasser gleiten und die Stunde des bösen Erwachens naht, dann ist alles was ich will, zuerst trocken und dann schön feucht. A verwirrt über sich selbst
F: Außerdem ist bei genauerer oder längerer Betrachtung des Bildzentrums zu sehen, dass uns trotz totaler Abstraktion ein perspektivischer Sog auf eine unsichtbare andere Seite zieht…
Das Publikum macht HHHMMMM, Paul und Andrea verschwinden durch die Menge, durch den Ausgang und sind weg, während die Führerin weiter redet
F: Die Grundidee aller seiner Bilder nämlich ist, sehr verehrtes Publikum, der permanente Transzendenzdruck des Augenblicks, festgehalten in einem bildnerischen Schulterzucken gegenüber dem drohenden Tod, und hier in diesem allerletzten seiner Bilder bündeln sich diese Idee und dieses Schulterzucken zur absoluten Bedeutung, in Farbe und Form, in Kraft und Ehrfurcht, in himmelhoch schreiendem Mut und abgrundtiefer Angst. Dieses Bild, mein sehr verehrtes Publikum ist die große Zusammenfassung der allgemeinen Kunstgeschichten, denn die einzelne Kunst selbst ist, und ich möchte nicht sagen nur, ist aber dennoch nur das erste Geräusch der tausend ersten Gesten, bevor sie zum ersten Mal und für immer in den ewigen Kreislauf stürzen und verschwinden, und Sie, meine Damen und Herren müssen nicht hier sein, um diese ersten Gesten zu begreifen, denn die Gesten sind überall, Sie müssen hier sein, um die Arbeit jener Menschen zu begreifen, die sich diesem Geräusch verschrieben haben, die immer hörend suchen, auf Zehen- und Ohrenspitzen, auf Gedeih und Verderb, und sich mit Leib und Seele dem Lauern und dem Sichern, dem Nachahmen und dem Zurückwerfen hingeben. Und lassen Sie sich nicht täuschen, meine Damen und Herren, vom Hochdruckgeist der eloquenten Schreihälse, vom Feuersturm der hyperkreativen Heißluftspucker, es ist der einzelne, fast unhörbare Funke unendlicher Wiederholungs- und Vertikalarbeit eines Menschen, der das Warten und das Greifen, das Halten und das Tun zur Perfektion treiben will, nur einmal belichtet, hier in diesem Bild, nur ein einziges Mal den Strich unter die Rechnung der ersten Gesten gesetzt, und die Kunst, meine Damen und Herren, die viele schöne Kunst, die käufliche und die unverkäufliche, die große und die kleine, die heutige und die vergangene, ist immer nur der Endzustand der tausend unsichtbaren Wege, nämlich der Wege hier herein in diese Räume.
Das Publikum klatscht und die Gruppe geht ab.


ENDE

Pressekontakt
Limbus Verlag
Mag. Bernd Schuchter
Kapuzinergasse 8
A 6020 Innsbruck
Tel +43/(0)512/315832
Fax +43/(0) 720 883 206
Mail buero@limbusverlag.at
Essl Museum (Hg.)
Literatur im Museum. Anthologie
Limbus 2012. 120 Seiten
Gebunden mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902534-63-7
€ 10, – [A]/[D]
Sechs junge österreichische Autoren und Autorinnen sowie eine amerikanische Gastautorin erkunden auf Einladung des Schriftstellers Erwin Uhrman ein Museum, jeder für sich, auf literarische Weise. Das Essl Museum gab eine Carte blanche zur Erkundung der Ausstellungsräume, der umfangreichen Kunstdepots und Arbeitsräume. Die SchriftstellerInnen suchen hier nicht nur den künstlerischen Dialog mit den Kunstwerken, sondern stöbern in sonst unzugänglichen Gefilden im und um das Museum. Entstanden ist eine Text- und Themenvielfalt, eine literarische Spurensuche der besonderen Art, ein Spiel, wie Hans-Georg Gadamer den Dialog mit Kunstwerken genannt hat, ein Tanz zwischen den Genres. Das Museum als Ort der Betrachtung – in seiner ursprünglichen Bedeutung als Heiligtum der Musen bezeichnet und heute als gefeierter Ort eines internationalen Kunstbooms wieder mit oft sakraler Bedeutung behaftet – erfährt hier eine erfrischende Neudefinition.
Mit Texten von Ariell Cacciola, Johannes Gelich, Hermann Niklas, Gabriele Petricek, Linda Stift, Philipp Traun und Thomas Stangl sowie einem Nachwort von Erwin Uhrmann.
Umschlagmotiv von Markus Bacher (Die Schreibmaschine, Ausschnitt, Sammlung Essl)
Weitere Informationen zum Programm unter www.limbusverlag.at
Die gesamte Verlagsvorschau, Pressebilder des Autors sowie das Buchcover
stehen auf unserer Homepage zum kostenlosen Download bereit.

Donnerstag, 26. Januar 2012

Zur Nage der Lation


ÖSTERREICH EINS, TEIL 2

Präsident der USA (spricht ein seltsames Deutsch, hält eine Salatgurke in der Hand)
König von Österreich (trägt eine McDonaldskrone mit der Zusatzaufschrift „KvÖ“, spricht gar kein Deutsch, tut aber so)
Weiter Personen sind unwichtig, oder kommen gar nicht vor, wie zum Beispiel die Tante des Königs sowie deren Halbschwester Ute Fischhaut.

P: überreicht K die Salatgurke und deutet hinter sich auf ein rosa Flugzeug
„Das ist meine Luftkraft Eins“
K: staunt „Eafoas Uon“
P: „und das ist mein Frau Eins, meine Beiden Kinder beide Eins, die sind nämlich gleichzeitig …denkt nach …auch wurscht, und das ist meine rechte Hand auch Eins“
Frau und Kinder grinsen, und sprechen Amerikanisches und Unverständliches über Österreich. P und K schütteln sich die Hände. Einige Fotografen fotografieren. Ein Kameramann filmt den Flughafentower, auf dem „heute im Angebot“ steht.
K: schwingt die Gurke durch die Luft und singt „Willkommen in unserem Land, Österreich Eins!“
P: „Geh bitte“
K: „So steht es im Text“
P: „Zeig her!“
K: „Der Doktor Magister Oberrat Peter Weibel hat gesagt, dass wir alle Trotteln sind, und im speziellen überhaupt alle“
P: „Steht das auch drin?“
K: „Nein, das ist mir so raus gerutscht“
P: „Blöd, aber mir rutscht auch immer was raus, manchmal, selten…“
K: „Du kannst nicht lesen, oder?“
P: „Sag ich nicht“
K: „Na gut, was steht auf meiner Krone?“
P: „Gar nichts“
K: „schön wär´s“
P: „ahm…“ überlegt
K: „Also das Programm ist folgendes…“
P: „…ist folgendes“
K: „Also, zuerst gehen wir zum Plachutta fressen, da gibt’s so gute Anzüge zum Anschauen, dann mach ma Pause im Schtarbacks, trink ma einen Coffee To Go mit Vanille- oder Karamelsouce, is mir eh wurscht, alles grauslich und dann wixen ma auf den Kanzlerschreibtisch vom Faymann. Gut?“
P: „Was is mim Urbanek?“
K: „Den ham wir wegegsprengt“
P: „Why so?“
K: „Why not!“
P: „Gut so!“
K: „Gut not!“
P: „Ich wix aber ungern in der Öffentlichkeit“
Weitere Personenen (WP) treten weinend (tw) ab.
K: „Ich wix nur in der Öffentlichkeit“
P ist beeindruckt: „zeig her!“
Ein Gruppe Zeugen Jehowas macht sich breit, der König von Österreich raucht einen Joint und erschießt alle.
P: „Good Job!“

FORTSETZUNG ÜBERMORGEN

Der Strudelhof

Die folgende Geschichte spielt in Zeiten der Stromabwärtsdichter, zwischen lauwarmer Vorspeise und Kleinkaliberhauptgang, in Zeiten der Heizpilzbräune und des Stehgreifmassenmords.
Die folgende Geschichte wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.
Na gut:
Aus Sicherheitsgründen und unter höchsten Geheimhaltungsmaßnahmen hatte man vor Jahren den Küniglberg ZWEI in die Speiskammer des berühmten Spaßmachers Alfred von Dorferer errichtet, doch im Zuge des Einbaus und wegen einiger lang geplanter Schlampereien wurde Hugo von Portischer, der zwecks Schuldzuweisungen die Bauaufsicht übernommen hatte, zwischen Wetter- und Sportstudio mit eingemauert und blieb von da an der ewige Anwärter auf den Winston-Churchill-Trostpreis.
„Ja, wo ist der Hugo denn?“ ist das Einzige, was der Architekt seit damals sagt.
„Was der Markus von Roganer in der Werbung ist, ist der Alfred von Dorferer im Rundfunk“, sagt dessen Frau, und streicht dem Architekten über die Wange.
„In Wahrheit ist er Rückenschwimmer und überhaupt….“, sagt sie weiter und verlässt das Haus im Vorwärtsgang.
Ich trage einen Bombengurt.
Abgesehen der Stadt-Land-Fluss-Damen-Unter21-Weltmeisterschaft und der Jubiläums-Zib24, die jedoch niemals on die so genannte Air ging, findet am Küniglberg ZWEI heute und unter der Moderation Peter von Rapperers die diesjährige und erste Wir-Sind-Alle-Eigentlich-Ganz-Gut-Gala statt. 2000 Orden werden verliehen, darunter ein gebrauchter Nasenspray aus der Sammlung Leopold, der in der Disziplin besonderer Verdienste um Neuschnee und andere Pulver mit höchster Wahrscheinlichkeit an H. C. von Stracherer geht, ursprünglich aber den Vorzugsgänsen Konrad Lorenz´ unter Liebesentzugsandrohung verabreicht wurde. Stracherers Augen glühen vor Gier und Atemnot. Weiters gibt es einen Lichtdimmer der Firma Obergescheit, einen Allradvogelkäfig mit Schleudersitz, drei Tischbeine, das Originalmanuskript des ersten Witzes aus der Feder des Spaßmachers (leider politisch, dafür Gott sei Dank lang), eine Zigarette samt Helmut Schmidt zum Eigengebrauch, einen Brennmaterialjahresvorrat des Profil-Konzerns und tausendneunhunderteins Weihrauchsets samt Selbstfindungsdetektor.
Der Moderator sitzt im Festsaal, zählt seine Zeigefinger und betrachtet dabei seine stumpfe Nase.
„Näschen“, sagte er und macht sich spontan und indem er in Höchstgeschwindigkeit die Plätze tauscht selbst einen Heiratsantrag.
„Willst du?“ sagt er und antwortet: „Ja ich will!“.
Über mehrere versteckte Big-Red-Kameras, von denen allein der Schriftsteller Simmel und der Bürgermeister von Eisenstadt gewusst haben, wird der Heiratsantrag des Moderators direkt in alle chinesischen Haushalte von Zimbabwe und Haiti übertragen und löst eine Welle der Tortenschlachten oder Kniebeugen aus. Kommt darauf an wo man gerade Urlaub macht und ob man in Futures oder Knäckebrot investiert hat. Die meisten machen Kniebeugen. Der Rest hat Kopfweh oder übt sich im Grubenverunglücken.
Bis jetzt sind alle glücklich.
Das Unwetter ist herrlich, die Gäste sind da, doch durch einen von Geheimstrat Wilhelm von Moltererer präzise errechneten Zufall treffen alle gleichzeitig ein, hohe Frisuren und Nasen geraten aneinander und vor der Tür zur Speisekammer kommt es zum totalen Stillstand. Es staut sich bis in die Gemächer, und nur ein Glas Salzgurken, das der Spaßmacher vor Wochen von der Insel Krk oder Rkr oder Rrr oder wie auch immer mitgenommen und zu seiner singhalesischen Spagettisammlung gestellt hatte, kommt zu Bruch.
„Supa! Guake!“ sagt Christine von Lugnerer.
„Super! Salz!“ sagt Dominik von Heinzeler.
„Super! Scherben!“ sagt ein Unbekannter.
„Ja wo ist der Hugo denn?“ sagt der Architekt.
Ich dränge mich durch die Menge. Eine Delegation der Assassinen macht sich breit, dahinter Schwarzbrenner und Klinikclowns.
Der Abend wird zur Nacht. Gewittervögel fliegen auf. Die Auslöschung naht.
Mitgedachterweise verlegt der frisch vermählte Moderator die Gala in die Speisekammer, vergisst jedoch das Licht anzuschalten und erfindet somit und ganz nebenbei etwas, das man irgendwann später „Blitz ins Dunkel“ beziehungsweise „Licht ins Dunkel“ nennen und das als Hochamt des Blöd-Grinsens und Fackelzug der Letzen Menschen in das zwangsentleerte Kulturleben der von Rheuma und Schweißfüßen gequälten Bevölkerung sickern wird. Die Stimmung im Land ist bedenklich, das Leben endet im einsamen Händereiben und kränklichen Erlöserfantasien.
Die Nacht wird zum Abgrund. „The Author is a bitch“, singt David Bowie, grinst und niemand fühlt sich angesprochen.
„Und überhaupt ist der Hugo im Nebenzimmer“, sagt die Frau des Architekten.
Der Bombengurt drückt mir gegen die Nieren. Ich stehe mitten in der Menge. Mein Nachbar trägt eine violette Strumpfmaske, gibt sich ohne Unterbrechung selbst Autogramme und sagt dabei: „Und das, mein Guter, ist für mich“.
Ein Klinikclown beginnt zu weinen und schreit: „Akademische Viertelstunde!“
Ich warte auf ein Zeichen zur Auslöschung, während das dumpfe Gebrumm von Rotorenblättern die Landung von Jannine Schiller und ihrer Frisur persönlich ankündigt. Eine Sensation, denn normalerweise reist man getrennt. Die Köpfe der Gäste heben sich, doch über ihnen baumeln nur ungarische Salamis und ein geknebelter singhalesischer Spagettihändler.
Pause. Der Vorhang fällt.
Abonnenten diskutieren über die biologische Nachhaltigkeit des Stücks und der Buffetware.
„Wer sich gesund ernährt, braucht sich den Arsch nicht zu wischen“, sagt ein Abonnent.
„Und man spart Geld“, sagt ein anderer.
„Und erst die Umwelt“, sagt der erste.
„Und erst mein Arsch“, sagt ein dritter.
Handys vibrieren, Babysitter hinterlassen Schreckensnachrichten, ein Abonnent bricht wortlos auf, das Programmheft unter dem Arm.
Der Pausensaal ist hell erleuchtet, Quecksilber tropft von der Decke, Speichel rinnt aus den Mündern, Hauptdarsteller Alfred von Dorferer flüchtet samt Kofferradio über die Dächer.
„Meine lieben Freunde“, beginnt der Moderator. In diesem Moment bekomme ich das Zeichen.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Fettabsaugungen

Ich bewundere die Speisekartendiktion zur urbanen Küche, wie hier zum Beispiel:
„Wienerschnitzel in Koalition mit Erdäpfel- Vogerlsalat.      13,90,-“
„Berner Würstel in Diskussion mit Ketchup und Senf.              7,50,-“
Aber das ist alles schon wieder am Abklingen. Man besinnt sich ja wieder auf das Einfache, sowohl im Essen, in dessen Auslegung und Zubereitung als auch in der Sprache an sich.
Fettabsaugung nenn ich das und was ich mir selbst absauge landet hier. Der Rest erscheint im November.
Ich seh sie vor mir, die enttäsuchten Gesichter, wenn da nur steht: „Tagesteller mit Pommes“. Die Lebensgefährtin schwer enttäuscht, der Mann entrüstet, der Kredit gekündigt und am Nebentisch ein erbleichter Roman Raffreider, der im Griesbrei stochert.
Ich finde ja, dass sich alles auf der Welt reimen sollte, und wenn schon nicht reimen dann wenigstens ausgehen oder reichen oder, wie man in Berlin sagt: „langen“.
„Achso, das langt nicht!“, verstand der Kellner dann endlich, als ich ihm das Kleingeld mit dem Worten „ich glaub das geht sich nicht aus“ überreichte.
Es war eines dieser Lokale, in denen Menschen bis in die Nacht hinein blöd vor sich hin frühstückten, dieses hier hieß „Die Mutter aller Schlachte“, oder nur die „Mutter“, ich kann mich nicht mehr erinnern, und geht der Lachs aus, gibt es halt nur noch Sekt oder Prosecco oder Orangensaft für die Untersäuerten. Ich glaub Jürgen Vogel war auch dort und der Kellner ließ mich laufen.
In Wien gibt es den Breakfast Club. Den halt ich auch nicht aus.
Auf jeden Fall wird alles wieder einfacher, das Essen, die Sprache, das Klopapier, früher Toilettenhygientuch, Beziehungen, früher Teams oder Interessenspartnerschaften, und natürlich vereinfacht sich auch das Leben, früher das ins Sein geworfen oder der längste Witz, den es gibt, kommt drauf an ob man Heidegger oder meinem alten Schulfreund Christoph Irrgeher glauben soll.
Für noch schlimmer als die nicht mehr ganz moderne Speisekarte jedoch halte ich Reanimationen.
„Der Tod in Opposition mit Wiederbelebung               2.538.199,-“
Und das ist abgesehen vom Preis wahscheinlich die Einfachheit und Fettabsaugung schlecht hin.
Übrig bleibt nur der Rest und der erscheint im November.