Der
Strudelhof
Die
folgende Geschichte spielt in Zeiten der Stromabwärtsdichter, zwischen
lauwarmer Vorspeise und Kleinkaliberhauptgang, in Zeiten der Heizpilzbräune und
des Stehgreifmassenmords.
Die
folgende Geschichte wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.
Na gut:
Aus Sicherheitsgründen und unter höchsten
Geheimhaltungsmaßnahmen hatte man vor Jahren den Küniglberg ZWEI in die Speiskammer
des berühmten Spaßmachers Alfred von Dorferer errichtet, doch im Zuge des
Einbaus und wegen einiger lang geplanter Schlampereien wurde Hugo von Portischer,
der zwecks Schuldzuweisungen die Bauaufsicht übernommen hatte, zwischen Wetter-
und Sportstudio mit eingemauert und blieb von da an der ewige Anwärter auf den
Winston-Churchill-Trostpreis.
„Ja, wo ist der Hugo denn?“ ist das Einzige,
was der Architekt seit damals sagt.
„Was der Markus von Roganer in der Werbung
ist, ist der Alfred von Dorferer im Rundfunk“, sagt dessen Frau, und streicht
dem Architekten über die Wange.
„In Wahrheit ist er Rückenschwimmer und
überhaupt….“, sagt sie weiter und verlässt das Haus im Vorwärtsgang.
Ich trage einen Bombengurt.
Abgesehen der
Stadt-Land-Fluss-Damen-Unter21-Weltmeisterschaft und der Jubiläums-Zib24, die
jedoch niemals on die so genannte Air ging, findet am Küniglberg ZWEI heute
und unter der Moderation Peter von Rapperers die diesjährige und erste
Wir-Sind-Alle-Eigentlich-Ganz-Gut-Gala statt. 2000 Orden werden verliehen,
darunter ein gebrauchter Nasenspray aus der Sammlung Leopold, der in der Disziplin
besonderer Verdienste um Neuschnee und andere Pulver mit höchster
Wahrscheinlichkeit an H. C. von Stracherer geht, ursprünglich aber den Vorzugsgänsen
Konrad Lorenz´ unter Liebesentzugsandrohung verabreicht wurde. Stracherers
Augen glühen vor Gier und Atemnot. Weiters gibt es einen Lichtdimmer der Firma
Obergescheit, einen Allradvogelkäfig mit Schleudersitz, drei Tischbeine, das
Originalmanuskript des ersten Witzes aus der Feder des Spaßmachers (leider
politisch, dafür Gott sei Dank lang), eine Zigarette samt Helmut Schmidt zum
Eigengebrauch, einen Brennmaterialjahresvorrat des Profil-Konzerns und
tausendneunhunderteins Weihrauchsets samt Selbstfindungsdetektor.
Der Moderator sitzt im Festsaal, zählt seine
Zeigefinger und betrachtet dabei seine stumpfe Nase.
„Näschen“, sagte er und macht sich spontan und
indem er in Höchstgeschwindigkeit die Plätze tauscht selbst einen
Heiratsantrag.
„Willst du?“ sagt er und antwortet: „Ja ich
will!“.
Über mehrere versteckte Big-Red-Kameras, von
denen allein der Schriftsteller Simmel und der Bürgermeister von Eisenstadt
gewusst haben, wird der Heiratsantrag des Moderators direkt in alle chinesischen
Haushalte von Zimbabwe und Haiti übertragen und löst eine Welle der
Tortenschlachten oder Kniebeugen aus. Kommt darauf an wo man gerade Urlaub
macht und ob man in Futures oder Knäckebrot investiert hat. Die meisten machen
Kniebeugen. Der Rest hat Kopfweh oder übt sich im Grubenverunglücken.
Bis jetzt sind alle glücklich.
Das Unwetter ist herrlich, die Gäste sind da, doch
durch einen von Geheimstrat Wilhelm von Moltererer präzise errechneten Zufall
treffen alle gleichzeitig ein, hohe Frisuren und Nasen geraten aneinander und vor
der Tür zur Speisekammer kommt es zum totalen Stillstand. Es staut sich bis in
die Gemächer, und nur ein Glas Salzgurken, das der Spaßmacher vor Wochen von
der Insel Krk oder Rkr oder Rrr oder wie auch immer mitgenommen und zu seiner
singhalesischen Spagettisammlung gestellt hatte, kommt zu Bruch.
„Supa! Guake!“ sagt Christine von Lugnerer.
„Super! Salz!“ sagt Dominik von Heinzeler.
„Super! Scherben!“ sagt ein Unbekannter.
„Ja wo ist der Hugo denn?“ sagt der Architekt.
Ich dränge mich durch die Menge. Eine
Delegation der Assassinen macht sich breit, dahinter Schwarzbrenner und
Klinikclowns.
Der Abend wird zur Nacht. Gewittervögel fliegen
auf. Die Auslöschung naht.
Mitgedachterweise verlegt der frisch vermählte
Moderator die Gala in die Speisekammer, vergisst jedoch das Licht anzuschalten
und erfindet somit und ganz nebenbei etwas, das man irgendwann später „Blitz ins
Dunkel“ beziehungsweise „Licht ins Dunkel“ nennen und das als Hochamt des
Blöd-Grinsens und Fackelzug der Letzen Menschen in das zwangsentleerte Kulturleben
der von Rheuma und Schweißfüßen gequälten Bevölkerung sickern wird. Die
Stimmung im Land ist bedenklich, das Leben endet im einsamen Händereiben und
kränklichen Erlöserfantasien.
Die Nacht wird zum Abgrund. „The Author is a bitch“, singt David
Bowie, grinst und niemand fühlt sich angesprochen.
„Und überhaupt ist der Hugo im Nebenzimmer“,
sagt die Frau des Architekten.
Der Bombengurt drückt mir gegen die Nieren. Ich
stehe mitten in der Menge. Mein Nachbar trägt eine violette Strumpfmaske, gibt sich
ohne Unterbrechung selbst Autogramme und sagt dabei: „Und das, mein Guter, ist für
mich“.
Ein Klinikclown beginnt zu weinen und schreit:
„Akademische Viertelstunde!“
Ich warte auf ein Zeichen zur Auslöschung,
während das dumpfe Gebrumm von Rotorenblättern die Landung von Jannine Schiller
und ihrer Frisur persönlich ankündigt. Eine Sensation, denn normalerweise reist
man getrennt. Die Köpfe der Gäste heben sich, doch über ihnen baumeln nur
ungarische Salamis und ein geknebelter singhalesischer Spagettihändler.
Pause. Der Vorhang fällt.
Abonnenten diskutieren über die biologische Nachhaltigkeit
des Stücks und der Buffetware.
„Wer sich gesund ernährt, braucht sich den
Arsch nicht zu wischen“, sagt ein Abonnent.
„Und man spart Geld“, sagt ein anderer.
„Und erst die Umwelt“, sagt der erste.
„Und erst mein Arsch“, sagt ein dritter.
Handys vibrieren, Babysitter hinterlassen
Schreckensnachrichten, ein Abonnent bricht wortlos auf, das Programmheft unter
dem Arm.
Der Pausensaal ist hell erleuchtet, Quecksilber
tropft von der Decke, Speichel rinnt aus den Mündern, Hauptdarsteller Alfred
von Dorferer flüchtet samt Kofferradio über die Dächer.
„Meine lieben Freunde“, beginnt der Moderator.
In diesem Moment bekomme ich das Zeichen.