Die Wunde des Trägers
Ach ja, wieder einmal so ein Wortspiel, ich liebe ja Wortspiele ohne gröbere Konsequenzen, so wie ich auch südbahnhofnahe Kreditaufnahmen in unmarkierten Dollar ohne jene gröberen Konsequenzen liebe, ich liebe überhaupt alles, was keine Konsequenzen mit sich bringt. Geburten sind da eine Ausnahme, doch Geburten bringen Schmerz und Schnupfen, Liebe und Nasenbluten mit sich, Regentage und unmengen an Klopapierverbrauch, sie bringen das ganze Leben mit sich, und den Moment, wenn man dahinter kommt, dass die zwei Menschen, die einen jahrelang angebrüllt haben, nicht die eigenen Eltern sondern Axel Rose und Charles Michael Kittridge Thompson IV alias Francis Black waren, denn die eigenen Eltern sind außer durch die immer selben Frisuren nicht wirklich aufgefallen. Manchmal gabs Zoff, manchmal war wochenlang nichts, der Fernseher in der Küche lief heiß, zu Essen gab es versalzene Sternschnuppen, draußen wurde der Nachbarsohn von der Müllabfuhr überfahren und niemand lachte. Das eigene Leben kommt einem meistens besoderns wichtig vor, obwohl es die Wenigsten zum Stationswart schaffen.
Vor einigen Jahren war ich in einem Hotel am Roten Meer und ein braunrotgebrannter Mensch brüllte die Frau an der Rezeption an, dass er nicht zum Spaß hier sei.
Ich nickte aus dem Hintergrund, denn richtig, wir alle sind nicht zum Spaß oder irgendeiner anderen Art des Profanzustands hier, Rotmeerrezeptionisten mögen da eine Ausnahme sein, denn die erleben die Existenz als den Urlaub anderer. Paradox genug!
Ich sehe das Leben als eine all-exlusive Urlaubsform von etwas, was ich noch nicht kenne, aber wirklich neugierig bin ich nicht. In dem Film Contact sagt ein Wissenschafter zu Jodie Foster, dass man ihr das schmerzlos wirkende Selbstmordmedikament nicht deswegen mitgibt, um den vorstellbaren Zwischenfällen sondern den unvorstellbaren vorzubeugen. Tolle Szene, denn sie gibt über unsre Immunsysteme und Geschmäcker aufschluss.
„Morgen werden wir ihnen ihren Sonnenschirm wieder reservieren“, sagte die Rezeptionistin damals.
„Morgen geht mein Rückflug“, antwortete der braunrotgebrannte Mensch.
In Wahrheit gibt es keine Rückflüge, dachte ich, doch ich sagte nichts; schmerzlos soll das Leben wirken, manchmal habe ich in der Unterbauchgegend Schmerzen, und ich weiß dann nicht, ob ich mich für Prostata- oder Magenkrebs entscheiden soll?
Die Konsquenz meiner Geburt ist unter anderem auch, dass ich gestern ein Freund traf, der mir erzählte, dass er am Liebsten niemals auf die Welt gekommen wäre.
„Warum?“, fragte ich.
„Ist nur mühsam“, antwortete er.
Wir saßen in einem kleinen dunklen Lokal im Zentrum der Hauptstadt, draußen schien die Sonne, drinnen spielte Keith Jarret sein Kölnkonzert, der Kellner tippte auf seinem Telefon herum, grinste und tippte weiter.
Wer nicht Stationswart wird, wird Immobilienmarkler, Krimineller oder Spaziergeher wie dieser französische Schriftsteller.
Eine andere Konsequenz sind schattige Gastgärten und Südhalbkugeln.
Ich verbrachte damals 6 Nächte am Roten Meer und zahlte bar mit Dollar.
Weitere Konsequenzen: Hitparaden, Kaffeesud, Sperrlinien, Verwandte, Blutergüsse, Sackgassen, Abendausgaben, Tanzschritte, Landeanflüge, Doppelmorde, Verabschiedungen, FKK-Strände, All You Can Eat Lokale, Klobesen und eine deutsch Firma namens Holst oder so ähnlich, die mir seit Jahren Briefe schreibt, in denen man mich zur Rückzahlung eines Kredits auffordert.
Wahrscheinlich!
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